
Abgrenzung ist kein Egoismus,
sie ist Verantwortung
von Nathalie Braunwalder, People Dynamics GmbH.
Es war ein Abend unter der Woche, eigentlich Feierabend, als eine Geschäftsführerin mir erzählte, dass sie seit Monaten keine einzige Woche ohne Wochenendarbeit verbracht hatte. Nicht weil die Arbeit es verlangte. Sondern weil sie nicht mehr wusste, wo die Arbeit aufhörte und sie selbst anfing. „Ich habe das Gefühl, ich bin immer erreichbar. Für alle. Immer.“ Sie sagte es ohne Klage. Fast schon nüchtern. Als wäre es längst zur Normalität geworden. Und genau das ist das Problem.
Wenn Grenzen verschwimmen
Abgrenzung ist eines jener Themen, über das viele Menschen reden und das die wenigsten wirklich leben. Im Berufsalltag verschwimmen Grenzen oft schleichend. Eine Nachricht am Sonntagabend beantwortet. Ein „Ja“ zu einem Projekt, für das eigentlich keine Zeit da ist. Ein Gespräch übernommen, das eigentlich jemand anderes hätte führen sollen. Jedes dieser Momente für sich scheint unbedeutend. Zusammen erzählen sie eine Geschichte: die Geschichte von jemandem, der sich selbst hinten anstellt. Das gilt für Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer genauso wie für Mitarbeitende. Es gilt im Büro und zu Hause. Es gilt in Beziehungen zu Kollegen, Kunden, Partnern und zur eigenen Familie. Die Weltgesundheitsorganisation hat Burnout offiziell als berufliches Phänomen anerkannt und benennt chronische Überlastung ohne ausreichende Erholung als Hauptursache. Was dabei oft übersehen wird: Burnout beginnt selten mit einem grossen Ereignis. Es beginnt mit tausend kleinen Momenten, in denen man „Ja“ sagte, obwohl „Nein“ die ehrlichere Antwort gewesen wäre.
Was Abgrenzung wirklich bedeutet
Abgrenzung wird häufig missverstanden. Als Kälte. Als Rückzug. Als Zeichen, dass man nicht teamfähig ist oder sich nicht genug einsetzt. Das Gegenteil ist wahr. Wer sich klar abgrenzt, wer weiss, was er oder sie leisten kann und was nicht, wer „Nein“ sagen kann, ohne sich dafür zu entschuldigen der ist nicht weniger engagiert. Er oder sie ist nachhaltiger engagiert. Abgrenzung ist keine Mauer. Sie ist eine Linie, die schützt, nicht nur die Person selbst, sondern auch alle, die mit ihr arbeiten und leben. Eine Führungskraft, die keine Grenzen setzt, übernimmt unbewusst Aufgaben, die andere tragen sollten. Sie signalisiert ihrem Team: Grenzen gelten hier nicht. Und sie erschöpft sich in einem Tempo, das mittel- bis langfristig weder für das Unternehmen noch für die Menschen darin gut ausgeht. Forschungen zeigen, dass die Produktivität bei Arbeitswochen über 55 Stunden drastisch sinkt und dass die Qualität der Entscheidungen messbar abnimmt. Mehr Zeit bedeutet nicht automatisch mehr Leistung. Manchmal bedeutet es schlicht: mehr Fehler.
Die Kunst des Nein-Sagens
Das Schwierigste an der Abgrenzung ist oft nicht das «Was», sondern das «Wie». Viele Menschen haben das Gefühl, ein Nein müsse immer erklärt, entschuldigt oder abgefedert werden. Als wäre die eigene Kapazitätsgrenze eine Schwäche, die man rechtfertigen muss. Ist sie nicht. Ein klares, respektvolles Nein ist eine der ehrlichsten Botschaften, die man einem anderen Menschen schicken kann. Es sagt: Ich nehme mich ernst. Ich nehme dich ernst. Und ich sage dir die Wahrheit, anstatt ein Ja zu geben, hinter dem kein volles Herz steckt. Das gilt im Büro, wenn ein weiteres Projekt die eigene Kapazität sprengen würde. Es gilt im Team, wenn Aufgaben konsequent nach oben delegiert werden, die unten gelöst werden sollten. Und es gilt zu Hause, wenn Erholung und Präsenz für die Familie genauso eingeplant werden müssen wie jedes andere wichtige Meeting.
Abgrenzung beginnt innen
Wer klare Grenzen nach aussen setzen will, muss zuerst eine wichtige Frage beantworten: Was brauche ich, um langfristig gut zu funktionieren? Das klingt einfacher als es ist. Denn viele Menschen, besonders jene, die viel Verantwortung tragen, haben verlernt, sich diese Frage zu stellen. Sie orientieren sich an dem, was gebraucht wird. An dem, was erwartet wird. An dem, was andere tun. Aber Abgrenzung beginnt mit Selbstkenntnis. Mit dem ehrlichen Blick auf die eigenen Grenzen, Bedürfnisse und Energiequellen. Erst wenn ich weiss, wo meine Grenze liegt, kann ich sie auch benennen. In meiner Begleitung von Führungskräften erlebe ich immer wieder, wie befreiend dieser Moment ist, wenn jemand zum ersten Mal klar ausspricht, was er oder sie nicht mehr tragen möchte. Nicht aggressiv, nicht entschuldigend sondern einfach klar. Oft ist das der Beginn von etwas Neuem.
Was sich verändert, wenn Grenzen klar sind
Wenn Führungskräfte beginnen, klare Grenzen zu setzen, passiert häufig etwas Unerwartetes: Das Team wächst. Nicht weil Grenzen trennen, sondern weil sie Klarheit schaffen. Mitarbeitende wissen, wofür sie selbst verantwortlich sind. Entscheidungen werden dort getroffen, wo sie hingehören. Und die Führungskraft hat wieder Energie für das, was wirklich ihre Aufgabe ist: führen, denken, gestalten. Dazu kommt: Wer selbst Grenzen lebt, gibt anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Eine Unternehmenskultur, in der Abgrenzung möglich ist, ist eine Kultur, in der Menschen dauerhaft leistungsfähig bleiben und in der sie sich nicht verbiegen müssen, um dazuzugehören. Das ist kein Luxus. Das ist Führung.
Eine Einladung zur Ehrlichkeit
Ich lade Sie ein, heute einen ehrlichen Moment mit sich selbst zu verbringen. Wo sagen Sie „Ja“, obwohl „Nein“ die richtige Antwort wäre? Wo tragen Sie etwas, das nicht Ihres ist? Und: Was würde sich verändern in Ihrer Arbeit, in Ihrem Leben, wenn Sie eine einzige dieser Grenzen klar ziehen würden? Manchmal beginnt Veränderung mit einem einzigen, ruhigen Nein.
Ich bin Nathalie Braunwalder, Geschäftsführerin von People Dynamics. Ich begleite Geschäftsführer:innen und Führungskräfte von KMU als externe Reflexionspartnerin, vertraulich, auf Augenhöhe und ohne interne Dynamiken.
Wenn das Thema Abgrenzung Sie beschäftigt, beruflich oder persönlich, freue ich mich auf ein erstes, unverbindliches Gespräch.
Herzlichst
Nathalie Braunwalder
„Durch Vertrauen entsteht Entwicklung. Die Entwicklung bringt Erkenntnis. Veränderung beginnt und Wachstum entfaltet sich.“
NB
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